Schule ohne Rassismus - Europa ohne Rassismus

Auf der Suche nach Werten: Hatte der Skeptiker Recht?

Erst war ich skeptisch. Als das Vorhaben „Schule ohne Rassismus“ angekündigt wurde, schrieb ich einen skeptischen Beitrag in unsere Wandzeitung. Die langwierige Unterschriftensammlung, die bisher erfolglose Suche nach einer Patenschaft, die wenig begeisterte Durchführung des Antirassismus-Aktionstages im letzten Jahr schienen mir Skeptiker Recht zu geben. Und doch hatte ich Unrecht. Das Vorhaben war richtig und erweist sich gerade jetzt als richtig.

Heute ist in der Süddeutschen Zeitung eine Karrikatur von Wolfgang Horsch. Man sieht die Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Präsidenten Macron klein und verloren vor einer riesigen Maschine stehen. Sie starren fassungslos auf das wilde Durcheinander von zusammengestürzten, zerbrochenen, völlig derangierten Zahnrädern. Nichts greift mehr ineinander, das Chaos scheint nicht mehr zu bewältigen, eine einzelne Reparatur erscheint sinnlos. Dem Präsidenten entfährt ein „Mon dieu!“ „Europa“ ist auf eine große Zahnradscheibe im Trümmerhaufen geschrieben. 

Die europäischen Werte, die Standarts der Humanität, der Zivilisation, der Verlässlichkeit und der Vernunft, die der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg in langen Suchbewegungen mühsam errungen hatte und die Europa sich als scheinbar selbstverständliche Lebens- und Staatsgrundlage gesetzt hatte, werden nun von vielen plötzlich wieder in Frage gestellt. 

Deshalb ist es jetzt bitter nötig, dass die vernünftigen Menschen laut werden, dass wir uns zu Wort melden, dass wir auf die Straße und in die Politik gehen und Widerspruch einlegen. Dass wir für diese europäischen Werte eintreten, dass wir zeigen, es gibt uns noch. Uns, die wir Menschlichkeit, Inklusion, Hilfe für weniger Privilegierte und Unterstützung für Schwächere für selbstverständlich halten.

Und das führt mich zurück zur „Schule ohne Rassismus“. Ein solcher Titel ist eben keine Belohnung für gutes Verhalten. Auch wir sind nicht frei von Vorurteilen, Abgrenzungsängsten, Selbstgerechtigkeit, Trägheit und vielen solchen Wegbereitern von alltäglichem „Rassismus“. Insofern kann dieser Titel nicht auf die Schnelle einmal errungen und dann besessen werden. Der Titel ist eine Aufgabe, er erfordert ständige Arbeit, ständiges Anstoßen, ständige Öffentlichkeitsarbeit, nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Paten, anhaltende Durchführung von Aktionen im Unterricht und im Schulleben: nichts Einfach-mal-schnell-zu-Machendes. Da kann man eben nicht mal schnell Unterschriften sammeln, mal kurz eine Patenschaft abschließen mit irgendjemandem, mal kurz einen Antirassismustag von irgendwelchen zwangsverpflichteten Lehrkräften durchführen lassen. „Schule ohne Rassismus“ ist anstrengend, muss ständig neu gedacht, weitergeschoben werden.

Aber darin liegt die Chance! Lasst uns den „Schule ohne Rassismus“-Prozess weiterführen! Lehrerinnen, SMV, Studierende, in der Fachakademie und in den Pflegeschulen! Denn dieser Prozess ist auch eine öffentliche Willensbekundung unseres Schulzentrums für die europäischen Werte. Und das brauchen wir. Gerade jetzt!

Christoph Mößbauer, 21.6.2018